egbert kasper

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Das Wesen des Wachsens – Zeichen von Werden und Vergehen. Zur Zeichenkunst Egbert Kaspers
Holger Birkholz
aus dem Katalog "Egbert Kasper. Zeichnungen 1993-2017", 2017

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In seinen Zeichnungen analysiert Egbert Kasper auf poetische Weise ihre eigene Entstehung. Die graphischen Strukturen wachsen über das Papier und orientieren sich dabei an organischen amorphen Formen. Sie verdichten sich zu Figuren, um sich sogleich wieder aufzulösen. Sie bleiben ständig in Bewegung, als wären sie skeptisch, ob sie dem eben erst aus ihrem Zusammenspiel geformten Abbild trauen dürften. Darin steckt zugleich die Kraft, mittels derer die Zeichnung sich permanent aus sich heraus belebt. Gestalten erscheinen, wie man sie manchmal auch in den abstraktesten Naturformen erkennen kann. Sie paraphrasieren Entwicklungsprozesse in der Natur, ihr Werden und Vergehen.
Wachstumsformen bilden das Grundprinzip von Kaspers Zeichenkunst. Sie sind nicht nur dessen Vorbild, sondern orientieren sich auch in ihrer Entstehung an ihnen. Der Künstler ist in seinen Zeichnungen auf der Suche nach dem Wesen der Dinge und dem damit verbundenen Wesen der Kunst. Diese Werke als abstrakt zu bezeichnen greift zu kurz, da der Künstler im Medium der Zeichnung eine innige Beziehung zu den von ihm angeschauten Dingen entwickelt. Sie zielt jedoch nicht darauf, sie in ihrer äußeren Erscheinung darzustellen, sondern darauf, ihr innerstes Wirken zu erfassen.

Phasen

Im zeichnerischen Werk von Egbert Kasper gibt es eine Entwicklung von einer noch deutlich an Figuren orientierten Auffassung in den neunziger Jahren, deren Zeichenformen wie Schriftzeichen das Blatt bedecken, über eine eher abstrakte, malerische Auffassung zu Beginn der zweitausender Jahre, die mehr aus dem Körper heraus entwickelt wird, hin zu einer künstlerischen Form, in der atmosphärisch bewegte Grundflächen zum Ausgangspunkt für die Erscheinung von Figuren werden. In den letzten beiden Jahren, seit 2015, gewinnt der Zeichenstil Kaspers eine große Freiheit und gleichzeitig eine spürbare Kraft in der Linie, die abstrakt und erzählerisch zugleich ist.

1993 - 1998

Kaspers Blätter aus den Jahren 1993 bis 1998 sind in ihrem Aufbau noch am Landschaftsbild orientiert. Horizontale Strukturen erstrecken sich wie sanfte Hügelketten durch seine Kompositionen. Bodenwellen aus transparent gemalten Tuscheflecken legen sich übereinander und realisieren eine eigene zeichnerische Topographie. In diesen Räumen erscheinen vielfältige Wesen. Mal mehr oder weniger erkennbar lassen sich hier eine Ratte, dort Vögel und in anderen Blättern Insekten erkennen. Aber schon in diesen Arbeiten ist die graphische Struktur wichtiger als die Möglichkeit, mit ihnen konkrete Figuren darzustellen. Selbst wo sie figurativ hervorzutreten scheinen, bleiben sie ihrer Bestimmung nach grundsätzlich zeichenhaft in ihrem Charakter. Einfühlsam verbinden sie sich mit ihrer Umgebung und besinnen sich so auf die ihnen gemeinsame Wirkungsmacht der Schöpfung.
In dieser Sichtweise ist Kasper stark seinem Lehrer Gottfried Zawadzki (1922-2016) verbunden. Von ihm übernimmt er die aufmerksame Wahrnehmung seiner Umwelt und der darin wirkenden Kräfte. Mit ihm teilt er auch die Besinnung auf die religiösen Wurzeln künstlerischen Schaffens, das in den Schönheiten der Schöpfung den allen gemeinsamen göttlichen Ursprung sieht und in der abstrahierenden Formensprache zu offenbaren sucht. Aber auch andere Einflüsse lassen sich in dieser Phase von Kaspers Kunst benennen: Den spezifischen, graphischen Duktus, der sich in gleicher Weise als schreibend, beschreibend und zeichnend erweist, übernimmt er aus dem aufmerksamen Studium der Arbeiten von Gerhard Altenbourg (1926-1989) und Carlfriedrich Claus (1930-1998). Die Zeichnung schreibt sich gleichsam über das Bildfeld, in dem sie allmählich aus den konkreten Richtungen Figuren formt. Die Linien erscheinen dabei als geschwungene Zeilen und sind doch auch "Die Fühler des Wesens" (1994, S. 33) oder als Geflecht und Binnenstruktur von Feldern "Im Unterholz fern der Haut" (1995, S. 45).
Die Zeichnungen, die so entstehen, sind zugleich Aufzeichnungen, die auf das Naturstudium zurückgehen, und auch Ausdruck eines Unbewussten, das im künstlerischen Prozess Gestalt annimmt. Es scheint, als würde der Künstler die Entscheidung über die Entstehung der Formen bewusst abgeben an eine sich aus der Zeichnung selbst generierende Logik. Aus den ersten Setzungen des Zeichenstifts sprießt so allmählich eine Pflanze, die sich aus ihrer Differenz zur Natur entwickelt und dennoch einen gemeinsamen Ursprung mit ihr teilt.

2003 - 2010

Seit 2003 wird der Ausdruck in Kaspers Bildern kraftvoller. Ist die Faktur seiner Zeichnungen in den neunziger Jahren noch filigran und die flächig aufgetragene Tusche noch stark verdünnt und wolkig, so setzt Kasper jetzt die dem gegenüber pastosere Acrylfarbe ein. Ihre materielle Substanz steht in Beziehung zum aus dem Körpereinsatz entwickelten Zeichen. Zudem verwendet er verstärkt die Kohle, um organische Flächenphänomene zu beschreiben. Die unmittelbare Umsetzung körperlicher Kraft, die bei stärkerem oder schwächerem Druck zu den entsprechenden Abtönungen von Schwarz führt, setzt er gestisch ein. Sie wird Ausdruck für einen Strudel von Gefühlen und führt so zu einem "Eintauchen ins Vergessen" (2007, S. 80). Im "Winterlauf" (2007, S. 81) verbinden sich die physischen Erfahrungen einer Bewegung durch die Landschaft mit der zeichnerischen Handlung und ergründen so die ihnen gemeinsame Grundstruktur. Innen- und Außensicht fallen ineinander, vergleichbar der alten Konzeption einer Koinzidenz von Mikro- und Makrokosmos. Die subjektive Sicht auf die Welt beansprucht zugleich eine allgemeine Gültigkeit.
In dieser Haltung findet Kasper eine Entsprechung in der Informellen Malerei eines Wols (1913-1951), dessen rätselhafte Zeichen oft um ein emotional imaginäres und bildkompositorisch konkretes Zentrum kreisen. In seinem Werk verbinden sich die Innen- und Außenwahrnehmung. Der Kosmos wird zum Spiegel der Seele. Kasper konzentriert sich insbesondere in seinen Kohlezeichnungen auf die atmosphärisch herandrängenden und zurückweichenden Bewegungen, die zu den grundlegenden Naturerscheinungen gehören, das Auf- und Niederwallen der Wellen oder Grashalme wie auch bewegter Volumen von Baumkronen im Wind. Und so wie in Wolken plötzlich Figuren erscheinen können, bei denen wir nicht entscheiden wollen, ob sie unserer Vorstellungskraft oder einer absichtsvollen Laune der Natur entstammen, verdichten sich in den Zeichnungen des Künstlers die Linien zu Wesen. Kasper öffnet auf dem planen Papier Landschaften gemäß der romantischen Definition, die in ihnen weniger die Wiedergabe konkreter Orte sieht, sondern vielmehr Seelenräume.

2010 - 2017

In diese Welten greifen seit 2010/2011 wieder verstärkt kleinteiligere Liniengeflechte ein, die sich subjekthaft in bestimmten Bildbereichen sammeln. Vorzugsweise geschieht dies auf einer mittleren Bildebene, mit der Kasper in diesen Werken teilweise die Horizontlinie wieder einzuführen scheint. Sie wird der Ort des Hauptgeschehens, auf dem sich "verworrene Pfade" (2009, S. 87) abzeichnen, vor dem "Materialisierte Gespenster" (2015, S. 99) oder ein "verstörtes Wesen" (2015, S. 101) erscheinen. In diesen Zeichnungen verbindet sich die Kleinteiligkeit der geschriebenen Figuren der neunziger Jahre mit den flächigeren Zeichenformen der nuller Jahre, die aus den kraftvoll gesetzten, breiten Bahnen der Kohle bestehen. Die Arbeiten werden wieder figurativer – zunächst unter anderem auch als Tiergestalten erkennbar – bevor sie seit 2015 arabeskenhafte Züge annehmen. Von einem Fußpunkt aufsteigend winden und krümmen sie sich, greifen in den Bildraum, bilden phantastische Schlingen in einer "Kosmischen Blase" (2016, S. 123). Zum Teil scheinen sie ihr Innerstes aufzufalten. "Erkrankte Blätter" (2015, S. 108) offenbaren ihre zurückhaltende Farbigkeit, in denen es zu lesen gilt, um ihre Psyche zu erkunden, die Egbert Kasper hier wie ein metaphysischer Seismograph erfasst hat.

Sammeln

Eine der Grundlagen von Kaspers Kunst ist das Sammeln. Er trägt für ihn interessante knorrige Äste, getrocknete Früchte, Knochenreste oder andere natürliche Fundstücke zusammen, die er unter anderem in seinem eigenen Garten findet und aufhebt. Das Sammeln ist für ihn eine Welthaltung. Er findet in diesen Objekten Anregungen für seine Zeichnungen, indem er ihre Strukturen aufgreift und weiter entwickelt, und Material für seine Plastiken, die aus ihnen zusammengesetzt sind und neue Figuren entstehen lassen. Aufbewahrt in Kästen und Schränken bilden diese Dinge eine Art Archiv der Natur mit dem ganzen Reichtum an Strukturen, einem Potential zeichnerischer Formen.
Die Logik der Sammlung und die Ordnung der Aufbewahrung orientieren sich an ihrer Funktion als Material der Kunst. Kasper interessiert weniger der naturwissenschaftlich systematische Ansatz, der darauf zielt, die einzelnen Phänomene sauber voneinander zu separieren, zu analysieren und zu schematisieren. Er sucht vielmehr nach den Grundmustern in all diesen Erscheinungen.
Der Künstler erforscht die Muster des natürlichen Wachstums und Zerfalls in ihren Gemeinsamkeiten und Variationen, nicht um sie voneinander zu unterscheiden, sondern um seine Verbundenheit mit ihnen zu ergründen. Aus kleinteiligen, oft die Richtung wechselnden Strichen, die mal stärker aufgedrückt und dann wieder zaghaft dünn ihre Spur auf dem Papier hinterlassen, wachsen diese an der Natur angelehnten Formationen. Sie reflektieren einerseits die äußere Erscheinung beispielsweise schrundiger Rinden oder eingeschrumpelter, in der rauen Witterung des Winters mumifizierter Birnen, die am Baum hängen geblieben sind. Andererseits wiederholt Kasper beim Zeichnen das natürliche Wachstum und versucht, so die inneren Beweggründe für das Wirken in der Natur nachzuvollziehen. In seinen Arbeiten findet die Entwicklung der Pflanzen seine Fortsetzung. Das künstlerische Schaffen versteht sich als gleichberechtigtes Äquivalent zur Schaffenskraft in der Natur. Weil der Mensch Teil von ihr ist, offenbart sich in den von ihm geschaffenen Zeichnungen das gleiche Prinzip, wie bei Blumen, die aufblühen und verwelken.
Mit jeder Zeichnung, die vom Künstler ebenfalls in Kästen, Mappen und Schubladen seiner Schränke wie die Relikte aus der Natur gesammelt werden, wird sein Archiv an Gestaltungsformen reicher. Die Zeichnungen lagern sich hier allmählich ab. In ihnen wird die gelebte Zeit geschichtet, es ergeben sich Sedimente, in die man beim Blättern eintauchen kann, wie ein Archäologe in die Erdzeiten oder wie ein Restaurator in die von immer wieder neuen Umarbeitungen und Reparaturen überlagerten und verborgenen Reste vergangener Zeiten.

Restaurierung

Kaspers Kunst ist eng mit seiner Tätigkeit als Restaurator verknüpft. In beiden Fällen ist der Ausgangspunkt die genaue Anschauung. Er beobachtet und studiert die Dinge mit großer Sorgfalt.
Die Verbindung zeigt sich auch ganz unmittelbar materiell in einer Zeichnung, einer der frühesten in diesem Katalog, in die der Künstler das Fragment einer Tapete einbringt ("AUF", 1993, S. 23). Sie wird in diesem Werk auf eine andere Art bewahrt und aufgehoben. Nicht mehr geeignet, eine Funktion an ihrer ursprünglichen Stelle zu erfüllen, wird sie zu einem Relikt, das in seiner Versehrtheit zugleich etwas erzählt über die Zeit, in der es entstanden ist, seine Vernachlässigung in einer späteren Epoche, wie auch seine Wiederentdeckung und schließlich seine Bergung in der Kunst. Ihre fragile Erscheinung – der ausgefranste, weil zerstörte Umriss des Papierfragments – findet eine Entsprechung in Kaspers Zeichnungen, die zwar ein Bewusstsein haben für die Möglichkeit von Mustern, sie in der Einzelform jedoch immer ablehnen und zurückweisen.
Die Aufgabe der Restaurator_in ist es, die Dinge zu sammeln und zu bewahren, insofern verschränken sich Grundfragen der Tätigkeiten von Kasper. Als Restaurator braucht er eine Sensibilität für den Gegenstand. Er muss die Spuren der Vergangenheit, selbst kleinste Gefährdungen der historischen Substanz, erkennen und interpretieren, um sie zu erhalten und zu entscheiden, was gegebenenfalls zu tun ist. Mit diesem Gespür für die feinsten Nuancen in der Beschaffenheit von Oberflächen, die auf das Wesen der Dinge schließen lässt, nähert sich Kasper auch der Natur und überträgt diese Erfahrungen in seine Zeichnungen. In beiden Arbeitsfeldern findet sich eine gewisse Gelassenheit: Flächen bleiben offen und unbeschrieben, frei von Festschreibungen. Wenn die erhaltenen Reste und Vergleichsobjekte keine Anzeichen zulassen, wie ein beschädigtes oder teilzerstörtes Ding gegebenenfalls zu restaurieren ist, muss dessen Wiederherstellung notwendig unvollständig bleiben. Wo früher noch Restaurator_innen dazu tendierten, sie erfinderisch zu komplettieren, setzt man heute darauf, das Fragment als solches zu akzeptieren.
In Kaspers Zeichnungen finden sich immer wieder solche Freiflächen, die als spannungsvolles Äquivalent für die beschriebenen Zonen offen bleiben und es zulassen, dass hier die Fantasie ihre Fortsetzung imaginiert. In ihrer Offenheit bieten sie sich jedoch nicht allein gedanklich als Räume einer Weiterentwicklung des zeichnerischen Geschehens an, sie grenzen auch ihr Wachstum ein, geben ihm Kontur und lassen es so überhaupt erst gestalthaft werden.

Mit dem Amorphen einer ursprünglichen Einheit beginnt die Welt. Die Schöpfungsgeschichte erzählt den Prozess einer Teilung und Benennung. Gott unterscheidet Himmel und Erde, Licht und Finsternis und bezeichnet sie dementsprechend. Mit den Begriffen werden die Dinge sichtbar. In Egbert Kaspers Zeichnungen wirkt noch der ursprüngliche Zusammenhalt der Dinge, sie erscheinen bei ihm kurz vor ihrer Herauslösung aus dem alles verbindenden Kontinuum und nehmen dabei schon Gestalt an. Es ist eine Gestalt, die jedoch noch das Potential in sich trägt, sich ganz unterschiedlich zu entwickeln und Form anzunehmen. Aber die Dinge tragen auch bereits ihre Auflösung in sich, wenn sie ihre Gestalt verlieren und wieder eins werden mit dem Kosmos.

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Laudatio zur Ausstellung "Wucherungen I"
Klosterkirche und Sakralmuseum St. Annen, Kamenz, 2017
Sören Fischer

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Gerne möchte ich einmal Werbung nicht in eigener Sache machen und Sie mitnehmen in eine Zeit vor unserer Zeit: 20 bis 30.000 Tausend Jahre in die Vergangenheit. Im Museum der Westlausitz wird seit einigen Tagen die Schau "Höhlen, Mythen, Löwen, Menschen" gezeigt; eine Schau, die sich der Steinzeit widmet. Der Mensch der damaligen Zeit stand noch am Anfang, lebte noch in Urformen, auch wenn Kultur bereits vorhanden war oder sich in der Entwicklung befand. Die Ausstellung zeigt dies, sie zeigt aber vor allem auf, dass sich der Mensch der Steinzeit bereits in einer Wechselbeziehung zur Natur, zur Welt, befand. Er lebte nicht nur in ihr, er wollte die Welt begreifen, erfassen, ihr Mysterium sehen, Göttliches suchen, das Leben verstehen, den Tod als Teil des Lebens in das Jetzt integrieren.

Die klassische Frage, was die Welt in ihrem Innersten Zusammenhält, welche Kräfte wirken, wie die Rolle des Menschwesens in diesem Spiel ist, bewegte bereits in der Steinzeit unterbewusst und in den Anfängen sicherlich auch schon bewusst die Menschen. Die Welt verstehen, den Schleier vor dem Rätsel der Schöpfung lüften. Nichts legt so eindrücklich Zeugnis ab, von diesem Fragen an die Welt, wie die Bilder, die in den Höhlen vor 20 bis 30.000 entstanden sind und die jetzt verkleinert in Kamenz zu sehen sind. Es war das Medium des Bildes, über das und durch das die Menschen sich ihrer Welt annäherten. Das, was sie vor der Höhle in der Wildheit gesehen hatten, kehrte in der Höhle als Bild wieder. Eine interpretierte, veränderte Darstellung der Wirklichkeit. Tiere sind gewaltig, Menschen winzig, die Organe der Fruchtbarkeit von Frauen oder der Männer riesig, weil bedeutungstragend. Indem die Welt durch den Blick des Menschen als Bild auf den Felsen gebannt wurde, wurde sie nahbar, präsent, verständlich, vielleicht erträglich.

Dabei ist es auch für den heutigen Abend zentral, dass die Menschen der Steinzeit keine großen Flächenbilder der Tiere gestalteten. Nein, vielmehr zogen sie die Konturen der Geschöpfe mit oft nur einer Linie nach. Sie zeichneten die Welt! Nur die Linie gab dem Chaos Form und Gestalt, und Inhalt! Die Linie hatte keine Angst vor der leeren Fläche der Felswand. Sie schuf Welt. Bis heute! Im Werk von Egbert Kasper hat die Linie eine zentrale Bedeutung, die – auch im Hinblick auf die Kunst der Steinzeit – universell ist. Es ist mir eine große Ehre, dass wir Ihnen heute gemeinsam mit dem Künstler dieses Projekt vorstellen dürfen; ein Projekt, das zentrale Fragestellungen von Egbert Kasper aufnimmt und auf den Punkt bringt.

Auch Egbert Kasper ist seit mehr als 30 Jahren auf der Suche. Auch er sucht eine Annäherung an die Natur. Im Wald und auf der Wiese findet er Objekte, Holz, Zweige, Blätter – Spuren der schöpfenden Natur; zugleich aber auch Spuren des Vergehens.
Somit berührt sein Werk [...] Kernfragen des irdischen Daseins. Es berührt die Existenz und kommt weg vom Künstler-Ich, wenn es Themen wie Entstehung, Wachsen und Vergehen in den Mittelpunkt rückt. Kasper zeigt uns in seinen Arbeiten eine Natur, die wächst, die vergeht, die auch unkontrollierbar wuchert, in abnorme, teils hässliche, unförmige Gebilde. Dass die geschöpfte Natur selbst wieder als Schöpferin tätig ist und durch die Hand des Künstlers eine weitere Stufe der Evolution durchläuft, zeigen etwa die drei Bronzen hier am Fenster. Ob es sich um zufällige abstrakte Plastiken handelt, oder aber um Abgüsse hölzerner Gebilde, bleibt offen, spielt keine Rolle.

Die Zeichnung wird bei Kasper zu einem zentralen Medium der Weltenträtselung. In ihr spürt er ihrem Mysterium, auch ihren fantastischen Aspekten nach. Wie bereits in den Höhlenbildern reicht sie auch hier aus: die Linie, die alles erfassen kann. Die Natur ist bei Kasper belebt. Man sieht in "Ahnenhaus" eine Form, die eine Hülse sein könnte, dann wieder ein Geißeltier, oder eine Zelle, die von Samen befruchtet wird. Es sind Welten des prozesshaften Werdens, die einem entgegentreten. Die der antiken griechischen Philosophie entstammende Formel "Panta rhei" (alles fließt) wird bei Kasper gleichsam ins Organische übertragen. Bei ihm wächst die Welt, wachsen Gestalten und Pflanzen, durch sich hindurch und aus sich heraus. Die Arbeiten von Kasper setzen damit auch ein zentrales Postulat des antiken Dichters ins Bild und in diesen Raum: "Niemandem bleibt seine Gestalt." Wie sehr dieser Erkenntnis auch ein religiöser Gedanke innewohnt, zeigt die Installation des Künstlers, die in der Klosterkirche zu sehen ist: "Der einsame Weg".

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Auf der Lichtung, im Schatten diese Formen
E-Mail Interview zwischen Egbert Kasper und Friedrich Hulla
aus dem Katalog "Tagebuch eines Sammlers", 2012

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F. H.: Deine Ausstellung heißt "Tagebuch eines Sammlers". Was sammelst du seit wann, wie, warum und in welchem Umfang?

E. K.: Unabhängig von den Neigungen des kindlichen Sammelns setzte der bewusste Prozess - Pflanzen, Früchte, Blätter, Zweige, Rinde, verwitterte Holz- und Metallreste oder Steinformen aus der Natur mitzunehmen - mit dem aktiven Zeichnen und Malen ein. Die Motivsuche führte einerseits zum skizzenhaften Erfassen vor Ort und manchmal auch zur Mitnahme von "Erinnerungsstücken".
Oberflächenstrukturen, Zufallswachsungen oder Fragmente dieser fanden Eingang in die Bildwelt. Der Vorgang ist nicht immer ein direkter, denn zeitliche Abstände bis zur persönlichen Bildumsetzung sind recht unterschiedlich und brauchen immer wieder Geduld. So versammeln sich die Objekte Stück für Stück sichtbar im Arbeitsbereich; ähnlich einer stummen Kulisse in Erwartungshaltung. Ufert dieser Zustand zur Bedrohung aus, muss neu sortiert werden; auch aussortiert für den Verfallskreislauf - der Umfang der Sammlung bleibt dadurch begrenzt. Der Zusammenhang zwischen Fundstück und persönlicher Bildwelt führt in der Gegenwart zunehmend zum seriellen Arbeiten, dem bewussten Sammeln. Die Naturmaterialien bleiben nicht mehr nur Anregung, sondern werden direkter: montiert zu plastischen Objekten, naturbelassen in Bronze gegossen oder als Strukturen in der Druckgrafik benutzt.

F. H.: Welche Stellung nimmt dabei das Tagebuch ein? Bei diesem Begriff schwingt die Bedeutung einer chronologischen, linearen und vielleicht gar relativ geschlossenen Aufzeichnung mit, die als Gegenposition zur Sammlung begriffen werden könnte, wenn man diese als horizontales, offenes und fragmentarisches Archiv auffasst.

E. K.: Das "Tagebuch eines Sammlers" ist in erster Linie der Titel für die Ausstellung und die gezeigten Kunstwerke sind darin die Eintragungen. Ein flüchtiges Hilfsmittel für skizzenhafte Notizen gibt es zwar - doch von einer chronologischen, linearen und vielleicht geschlossenen Aufzeichnung als Gegenposition zur Sammlung kann momentan nicht gesprochen werden.

F. H.: Was davon kann man in der Ausstellung sehen?

E. K.: Direkt sichtbar wird die Leidenschaft des Sammelns in einer Reihe von Plastiken aus Fundhölzern (bearbeitet, montiert, bemalt) - z.B. OstseeSchwemmholz von der Steilküste in Ahrenshoop oder vom Saale-Ufer bei Naumburg - und in Form von gegossenen Bronzen aus Zweigen, Früchten und Gartenresten. Desweiteren (ver)webt eine Rauminstallation Baumverschnitt zu einem geheimnisvollen Spiel. Die Zeichnungen der Serie "Die Wiederbelebung der Dinge" und druckgrafische Blätter verwehren eine direkte Wiedererkennung; sie sind inhaltlich geprägt durch eine persönliche Sichtweise und durch den handwerklichen und ästhetischen Reiz der jeweiligen Technik.

F. H.: Dieser neue Schritt des direkteren Verwendens von bereits Vorhanden hat etwas von sich zurück- nehmen, zurücktreten und beobachten. Ein Erkennen, dass schon ganz viel da ist, dass man nicht immer alles selbst tun muss, dass man sich in Genealogien einschreibt, sich als Teil eines endlosen Prozesses begreift und dass man die Autorschaft ausweitet, auf andere und anderes.
Wie vollzog sich dieser Weg des Vertrauen-gewinnens zu den Dingen?
In welche Richtungen möchtest du weitergehen. Stapeln sich demnächst Pflanzentöpfe in deinen Arbeiten?

E. K.: Grundsätzlich hängt dieser Weg mit dem sich erneuten Öffnen beim Gang in die Natur zusammen. Der Versuch, der Unerschöpflichkeit und dem Reichtum an Dingen mehr Souveränität zu verleihen. Damit wurden aus grafischen Rohstoffen plastische Endprodukte; es ist wie eine auf den Sockel montierte "Gradwanderung", die die Krönung des Unvollkommenden in sich trägt. Der Widerspruch bleibt.
Ob und wie es weitergeht, hängt für mich maßgeblich auch von der Stille ab, dem sich Zeitnehmen und dem spielerischen Warten. Dass daraus symbolhaft Blumentöpfe mit gesammelten Pflanzen erwachsen können, will ich nicht ausschließen... Ein reizvoller Ansatz.

F. H.: Ob nun lebend, getrocknet konserviert oder Spuren davon beziehungsweise als zeichnerische Repräsentationen - jedenfalls spielen Pflanzen in deiner Arbeit eine sehr große Rolle. Eigentlich tauchen sie fast immer auf. Sei es als Einzelform, in komponierten Gruppen oder in Landschafts-situationen. Der Mensch hingegen verirrt sich fast nie zu dir. Ebensowenig Verweise auf unsere aktuelle menschliche Zivilisation. Trotzdem kann man nicht sagen, deine Arbeiten sind unbelebt. Sie bauen sogar sehr auf das Organisch-Amorphe. Besonders im zeichnerischen und druckgrafischen Werk streckt und räkelt es sich überall. Alles ist in Bewegung, im Werden, im Wandel.
Wieso sparst du aus diesen Prozessen den modernen Menschen aus? Hat er sich aufgelöst oder findet er keinen Zugang mehr?

E. K.: Es ist eher der Hang, mich den Ursprungswelten oder auch ursprünglich Belebtem zu nähern. Hineinzusteigen in die verwirrende und zugleich anziehende Welt der Pflanzen, bis hin zu verwunschenen Orten. Fern unserer rationalen Realität wuchert und reckt es sich ununterbrochen, greift bildhaft nach mir bis hin zum Alp der Düsternisse, den wesenhaften Erscheinungen zwischen Pflanze, Tier und Mensch.

F. H.: Es gibt zwar nicht-pflanzlich Belebtes - aber das sind weder Mensch noch Tier oder Mikro-organismen, sondern mythische Figuren, unbestimmte Wesen oder geisterhafte Erscheinungen, die auf ein ganz Früher verweisen, auf das Leben in Urgesellschaften mit Übersinnlichem und Magie. Woher kommt dieser Hang zur Negativ-Utopie in die Vergangenheit, wie sie etwa auch Georges Bataille in seinen Ausführungen zu den Höhlenmalereien in Lascaux schildert? Wie begegnest du dem Argument der romantischen Verklärung, des Fliehens in eine imaginierte archaische Ideal-Welt?

E. K.: Der Reiz liegt im Amorphen, im unbändigen Kreislauf selbst, wenn sich die Triebkräfte der Natur entfalten und im Spiel der Zugang zu den Reichtümern der inneren Welt eröffnet wird. Durch Strukturen und sich öffnende Formen entsteht, was an Verklärung in mir ist; ich dringe ein in eine "Wildheit". So fühle ich mich seit den Jugendjahren der Romantik verbunden, für mich eine imaginierte Ideal-Welt, vergleichbar mit der Geburt von Lascaux. Es ist also keine Flucht, sondern eine Hinwendung, deren Hintertür offen steht.

F. H.: Was sind deine Einflüsse, die dich anregen, tätig zu werden? Neben Allgemeinem, dazu vielleicht eine Stichwortliste, was die letzten zehn Anlässe/ Umstände/Dinge etc. waren.
Wo/Wobei/Wie/Wann/Wodurch etc. bleibt deine Aufmerksamkeit hängen?

E. K.: Es mag banal klingen, aber das Betrachten und sich verlieren in Naturerscheinungen, wenn z.B. Sonnenlicht in den Garten fällt und überquellende Grafik, unterbrochen durch den Schatten eines Baumes, mich ergreift oder der Blick eine Blüte streift, deren Farbe mich bewegt, bilden die Grundvoraussetzung dafür, tätig zu werden.
Anlässe/Umstände/Dinge:
die Reste eines missglückten Bronzegusses
die Erinnerungsskizze an eine Blüte
eine Abbildung in einer Wochenzeitung
ein Text über Rousseau
das Nachdenken über die nächste Einzelausstellung
die Oberfläche einer verzinkten Platte
die Ausstellung "Unter Bäumen - Die Deutschen und ihr Wald" (im Deutschen Historischen Museum, Berlin)

F. H.: Und vielleicht auch noch künstlerische Bezugspunkte, die dich beschäftigen - die früher wichtig waren, die es heute sind.

E. K.: Die 1990er Jahre prägte die Faszination für das Labyrinth der "Innenschalen-Schau" von Gerhard Altenbourg und die intensive Suche nach grafischen Wegen hin zu einer Bildsprache, die dem eigenem erzählerischen Wesen entspricht. Es waren Wegstationen zwischen Zeichnung und Holzschnitt, zwischen Schwarz und Weiß und herausgefordert durch die Ästhetik von Carl Friedrich Claus. Die Farbe war für Jahre verschwunden. Ersetzt durch feine Strukturen, meist Feder in Tusche und ergänzt durch Bleistift, Kohle und Rötel. Am Tage restaurieren, abends und nachts zeichnen - behutsam erfühltes Bauen ohne Eile. Irgendwann fehlte die Farbe doch und die Leidenschaft beim Arbeiten. Was folgte, waren experimentelle Zwischenstationen: Pinselzeichnungen, Monotypien zum Teil mit malerischen Ergänzungen, Kohlezeichnungen.
Das veränderte Verhältnis zum Zeichnen lässt sich heute am besten durch die Position des "Spontanen Kalküls" im Werk von Hans Hartung beschreiben. Die unmittelbare Geste als wichtiges Mittel spielt eine größere Rolle, ohne die von mir angeeignete Ästhetik außer Kraft zu setzen. Von Interesse für meine Arbeit ist auch die Verbindung aus animistischer Naturerfahrung und Spiritualität bei Wols.

F. H.: Welche Bedingungen müssen vorhanden sein, damit du arbeiten kannst.

E. K.: -Stille-

F. H.: Wenn du Stille sagst - auf der Wiese oder im Wald gibt es ja nicht nichts zu hören (Wüsten als Lebensraum blende ich hier einmal aus). Wenn man aufmerksam ist, merkt man, dass immer etwas los ist. Egal ob Insekten, Vögel, Säugetiere, Rascheln im Gebüsch, das Knarren der Bäume im Wind oder Verkehrs-/Maschinengeräusche aus der Ferne. Wenn es einmal ganz still sein sollte, so wäre das sicher recht beunruhigend. Man wüsste gar nicht, was los ist.
Stille im Sinne von Geräusch-/Lautlosigkeit ist demnach recht "unnatürlich" und der Versuch sie herzustellen geschieht in Gebäuden, die als Orte des Rückzugs fungieren sollen.
Was für dich sehr wichtig ist, wäre also eine menschliche Kulturleistung. Und damit spielt die Zivilisation bei dir doch eine zentrale Rolle! Sie ist eine Grundvoraussetzung, damit du arbeiten kannst.
Vielleicht sollte man statt Stille sagen, dass du dir eine Situation schaffst, in der du nicht von äußeren Einflüssen abgelenkt bist, um konzentriert arbeiten zu können. Der Schutzraum Atelier.
Was ich noch ansprechen möchte, betrifft das, was Harald Szeemann "Individuelle Mythologie" nannte - mir scheint, dass diese Formulierung hilfreich ist, um Zugang zu deinem Schaffen zu finden.
Deine Titel (sofern sie nicht den gern verwendeten Zug "o.T." tragen) klingen oft messianisch, ohne jedoch auf bestimmte Religionen zu verweisen. Sie lassen eine Sehnsucht, eine Heilsversprechung anklingen, die deinen Arbeiten - je nach Sichtweise - entweder eine gewisse Melancholie ob dieser Utopie geben oder eine ausgeglichene Gelassenheit ob eines vertrauten Wissens auf kommendes. Liege ich da falsch oder wie würdest du es beschreiben?

E. K.: Das Beste ist wohl "ja" zu sagen. Das Geheimnis-volle findet immer einen Weg in meine Arbeit.

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Entlang der Natur erzählen
Friedrich Hulla
aus dem Katalog "Tagebuch eines Sammlers", 2012

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Eine Einführung über einen Künstler zu schreiben ist eine Gradwanderung. Um dem Leser einen übersichtlichtlichen und fassbaren Einstieg zu ermöglichen, muss man das kurz und prägnant formulieren, was für gewöhnlich außerhalb des Mediums der Sprache stattfindet. Das heißt nicht, dass man sich nicht angemessen darüber äußern kann. Doch läuft man Gefahr, dass die Narration, die man dafür entwickelt, die Werke zur Illustration des eigenen Erklärungsgerüstes des zu beschreibenden künstlerischen Entwurfs werden lässt.

So auch hier. Denn die Narrationen, die Egbert Kasper aufspannt, sind eher leise und unscheinbar - man muss sich geduldig auf sie einlassen, um ihre Klänge zu vernehmen.

Wenn man sich so den Arbeiten zuwendet, könnte man meinen, in fast jeder etwas eigentümliches zu finden. Nicht dass die Werke jeweils für sich etwas Eigenes und sie von den Anderen unterscheidendes oder trennendes haben. Sondern eher etwas, dass für alle zutreffend scheint und verbindend zwischen ihnen wirkt. Dieses Etwas könnte man versuchen begrifflich zu fassen und fragend formulieren: Ist es die Verschränkung von Natur und Mythos?

Aber nein. So nicht - doch kein generelles nein, sondern ein: Nein, so einfach machen wir es uns nicht. Um uns Egbert Kasper zu nähern beschreibe ich lieber einige Grundzüge, die man in den Arbeiten immer wieder entdecken kann:

Eng verwoben finden sich ein auf genauer Beobachtung beruhendes Naturstudium und dessen Auflösung in freie Strukturen und amorphe Formgebilde. Die Titel betten darin vage, Heilsversprechen zitierende Andeutungen ein, die etwa "Himmelsgespinst", "Die Frucht des Waldes" oder "Dort wartet das Paradies" lauten. Es entstehen Kippmomente, die den Betrachter zwischen verschiedenen Weisen von Wirklichkeitserfahrung hin und her schweifen lassen. Diese Wahrnehmungen bewegen sich zwischen nach außen gerichteter Aufmerksamkeit in das Werden und Vergehen natürlicher Prozesse der uns umgebenden Umwelt und leiblichem Erspüren dem Subjekt eigener Wünsche, Bedürfnisse und Hoffnungen.

Den Zwischenraum dieser weichen, an Doppeldeutigkeiten reichen Übergänge verlassend, nun zum Inhalt des Kataloges: Er begleitet zum einen Egbert Kasper's Einzelpräsentation - Tagebuch eines Sammlers - in der Kunstsammlung Lausitz in Senftenberg, geht aber auch darüber hinaus, indem er einen breiten Einblick in die Arbeitsergebnisse der letzten Jahre liefert.

Zentral ist hierbei das Sammeln, das Bewahren und das Verwenden von Naturmaterialien - eine Praxis, die im Laufe der Zeit behutsam gereift ist und die sich auch noch - mit offenem Ausgang - weiterentwickelt. Hierbei werden Pflanzen - Blüten, Früchte und Zweige - zu "Erinnerungsstücken", die durch ihre Oberflächenstrukturen oder ihre Zufallswachsungen als Anregungen dienen für zeichnerische und druckgrafische Werke, wie für plastische Arbeiten in Holz oder Ton. Sie werden auch direkt zu Objekten, etwa in Materialmontagen oder in Bronzegüssen. Außerdem intensiviert sich in jüngster Zeit die Auseinandersetzung mit installativen Lösungen. So entstand eigens für die Ausstellung mit "Gefangen im Spiel" ein raumgreifendes, hängendes Licht- und Schattenarrangement, welches größere Mengen alten Baumverschnitts dicht ineinanderwebt und sich zwischen die Grenzen von Bild und Abbild, Erzählung und konkreten Formerlebnis schiebt.

"Das Tagebuch eines Sammlers" als eine Zwischenstation eines Unterwegs-Seienden, der innehält, um sich den bereits zurückgelegten Weg noch einmal vor Augen zu führen und zugleich die Gedanken bereits offen in Richtung kommendes schweifen lässt.

Doch bilden Sie sich auf den folgenden Seiten selbst ihre Assoziationen zu den Arbeiten von Egbert Kasper...

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Laudatio zur Ausstellung "Augenspiel"
Slawenburg Raddusch, Vetschau/Spreewald, 2010
Bernd Gork

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Wer von uns hat nicht schon einmal in den zahllosen Wolkenbildungen am Himmel nach gegenständlichen Bezügen gesucht, hat dort vielleicht phantastische Landschaften entdeckt, bizarre Gesichter oder skurrile Figuren. Sieht der Mensch ein Bild vor sich, so sucht er hier meist ein Abbild von etwas. So waren jahrtausendelang Bilder stets auch Abbilder, angefangen bei den urzeitlichen Höhlenmalereien. Erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts haben sich Linien, Flächen und Farbkleckse zu eigenständigen Bildinhalten emanzipiert. Fortan gibt es neben der gegenstandbezogenen bildenden Kunst auch die sogenannte abstrakte. Diese Kunst hat es bis heute schwer, das nachhaltige Interesse von breiten Publikumsschichten zu wecken, wie es auch die sogenannte Neue Musik jenseits von dur-moll-bezogenen Klängen schwer hat, sich im Konzertleben durchzusetzen.

Schaut man mit einem flüchtigen Blick auf diese Ausstellung, wird man feststellen, dass der Künstler nicht daran interessiert ist, in seinen Bildern, Zeichnungen und Plastiken Gegenstände abzubilden. Es ist wohl eher das freie Spiel mit Linien, Strukturen, Farben und Formen seine Sache. Nicht zufällig heißt die Ausstellung ja "Augenspiel". So ergeben sich für den Betrachter ein hohes Maß an Assoziationsmöglichkeiten. Charakteristisch für Egbert Kaspers Formenwelt scheint mir, dass er dem Fragmentarischen zugetan ist, dem Unvollendeten, dem Offenen, als ob sich der Künstler scheut, zu viel zu sagen und so dem Betrachter die Möglichkeit zu nehmen, eigene Gedanken und Empfindungen einzubringen. Eine der schwierigsten Entscheidungen des bildenden Künstlers ist ja bekanntlich, wann aufzuhören ist, zumal ein Bild, eine Zeichnung oder eine Plastik in jedem Stadium der Entstehung ein gewisses Maß an Vollendung haben sollten. Mit dem Zeichenstift oder dem Pinsel werden bei Kasper die Formen behutsam gleichsam erfühlt. Er lässt sie wachsen , manchmal auch wuchern und dabei gibt er wohl auch dem Zufall Raum, der oft zeichnerische oder malerische Prozesse auf unerwartete Weise beeinflussen kann. So heißt dann auch der Titel eines Farbblattes von 2005 "Wesen, erste Annäherung". Die Suche nach den eigenen Formen, die den inneren Empfindungen und Gesichten entsprechen, beschäftigt Kasper seit einigen Jahren. In der Lausitz geboren und aufgewachsen , nun mit seiner Familie in einem Fachwerkhaus bei Kamenz nahe der Natur lebend und freischaffend arbeitend, interessieren ihn mehr und mehr die Fragen nach der Herkunft, nach den Ahnen. Und so ist er mit seiner Ausstellung an den richtigen Ort geraten. Er hatte während einer Radtour durch den Spreewald 2008 die Slawenburg entdeckt, die ihm dazu verhalf, tiefer in die Vergangenheit und das Unterbewußte einzudringen.

[...] Archaische Formen frühester Kulturen kommen dem Ausdruckswillen von Egbert Kasper nahe. Den Ahnen die höchsteigene Gestalt zu verleihen ist eines seiner Ziele. So bekennt er programmatisch: "Die Wesen und primitiven (einfachen) Formen sind symbolhaft Ausdruck einer Annäherung. Es entsteht dabei eine private Mythologie der Auseinandersetzung." Private Mythologien fand er auch bei Joseph Beuys mit seinen antroposophischen, also übersinnlichen, Elementen und vor allem in den kalligrafischen Liniengespinsten von Carlfriedrich Claus.

Ohne die Natur direkt abzubilden, ist sie ein wesentlicher Anreger für Kaspers Kunst. So tauchten in einer Grafikserie des Jahres 2004 mit dem Titel "Garten" vielfältigste florale Formschöpfungen parallel zur Natur auf, die um das stetige Werden und Vergehen kreisen.

Auch in seinen Skulpturen, meist blockhaft geschlossen, selten raumgreifend, spielen Naturformen eine Rolle, wie z.B. in den Sandsteinen "Blütenkreuz" von 2005 oder "Naturaltar" von 2007 sowie in den Holzplastiken "Kleine Meditation" oder "Fühler" von 2005, wo sparsam bearbeitete Äste emporstreben bzw. ein Stamm in der Arbeit "Erstes Leben" von 2008 sich blütenartig nach Oben öffnet. In sehr bewegter Oberfläche erscheinen dagegen die Terrakottaarbeiten "Stumpf (Figuration)" von 2006 und die "Schädelvanitas" von 2009, die an einen Tierschädel denken lässt. Bei der Holzplastik "Erinnerung an die Ahnen" von 2005 hier in unserer Ausstellung verleiht die Maserung der zweigeteilten figurenartigen Form einen zusätzlichen ästhetischen Reiz.

In der Acrylmalerei ebenso zurückhaltend bevorzugt er gebrochene Farben, die um das Grau kreisen. Hier können kompakt geschlossene Formen wie im "Urblock" von 2003 mit fleckhaft locker hingeschriebenen wie im "Ahnenhaus II" kontrastieren. In einigen Blättern kombiniert Egbert Kasper druckgrafische, zeichnerische und malerische Elemente, die er als Mischtechnik bezeichnet. Dabei entstehen Werke mit vielfältigsten sinnlichen Reizen, wie in der Folge "Ankunft" von 2010, wo die Bildformen von Gelb und Blau durchlichtet und von Rot akzentuiert werden. Im Zentrum der Ausstellung hat der Künstler eine archaisch anmutende Installation aufgebaut, die u.a. mit Naturmaterialien wie Holz, Sand und Stein an eine urzeitliche Kultstätte erinnert. Die Menschheit, eingebunden in das ewige Stirb und Werde, hat sich wohl schon immer mit dem Phänomen des Verhältnisses von Diesseits und Jenseits auseinandergesetzt. Nachweisliche Begräbnisrituale in frühesten Kulturen weltweit deuten darauf hin. Immer wieder gab es Mittler zwischen dem Irdischen und dem Überirdischen , zwischen uns Heutigen und den Ahnen, seien es Schamanen, Priester oder Religionsführer. Was das Wissen nicht leisten kann, müssen der Glauben und die Ahnungen ersetzten. Das Unbegreifliche, Geheimnisvolle und Unterbewußte ist auch ein Gegenstand der Künste, wie sie sich beispielsweise in den Werken von Egbert Kasper offenbart.

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Laudatio zur Ausstellung "Geprägte Landschaft - Situationsbeschreibung"
Rathaus, Kamenz, 2007
Roland Dantz

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[...] Gotthold Ephraim Lessing schreibt in seiner Schrift "Selbstbetrachtungen und Einfälle": "Der aus Büchern erworbne Reichtum fremder Erfahrung heißt Gelehrsamkeit. Eigene Erfahrung ist Weisheit." Darüber hinaus erinnere ich mich an eine Anekdote über den griechischen Philosophen Heraklit. Es wird erzählt Freunde seien nach Ephesos gekommen, um den Philosophen beim Denken zu beobachten. Als sie an sein Haus kamen, sahen sie, wie sich der Philosoph an einem Backofen wärmte. Sie bleiben überrascht stehen. Er fordert sie auf Mut zu fassen und einzutreten – auch hier sind Götter. Nun werden Sie sich sicherlich fragen: "Was will er denn mit Lessing und Heraklit?" Nun – ich habe im Vorfeld der heutigen Ausstellungseröffnung Egbert Kasper in seinem Atelier in Lückersdorf besucht.

In einem alten bäuerlichen Haus befindet sich unter dem Dach sein Atelier. Hier unternimmt er einen Großteil seiner künstlerischen Abenteuer, verfertigt er die Dinge [...]. Kein großer – ein eher geheimnisvoller – kleiner Raum, der Wärme ausstrahlt, auch wenn kein Ofen darin ist. Es ist der gewöhnlichste Ort der Welt, in dem meiner Meinung nach zuerst die Gedanken über die Welt und dann die Kunst des Malers und Bildhauers geboren wird. Das Hochgehen über die Stiege in das Dachgeschoss zwingt zum Runterschauen und Nachdenken. Der Gang zurück zum Griff an das Geländer zum langsamen bewussten Heruntersteigen. Unsichtbar steht über der Tür die Aufforderung Heraklits: "Tritt ein – auch hier sind Götter". [...]

[Bruce Naumann] hat [...] – auf die Frage, was er von Kunst erwarte, ausgeführt, sie müsse den Menschen so treffen, wie es einem geschieht, wenn man im Dunklen die Treppe hoch geht, die letzte Stufe nimmt, doch weil man schon oben ist und keine mehr kommt, dann ins Leere tritt. Wir alle kennen, dieses seltsame Gefühl der kurzzeitigen Unsicherheit, des Schwebezustandes zwischen erwartetem Ankommen und Erschütterung dieser Erwartung. [...] [Naumann] zeigt [hier] Grundzüge moderner Kunstwirkung auf: Verunsicherung des Althergebrachten, Geheimnis, Möglichkeiten neuer Sichten auf Wirklichkeit, [...] das Umkreisen des Unaussprechlichen und Unabbildbaren, die Entwicklung von Phantasie [...], aber auch um [der Welt] nach einem Kunsterlebnis mit anderen Augen, anderen Denken und Fühlen zu begegnen. Und verstehen Sie [...] die letztgenannten Wirkungen nicht als einmalige kurzfristige – Kunstmachen und -empfinden ist ein lebenslanger Prozess, wofür auch und gerade der Künstler Kasper steht.

Egbert Kasper [...] hat seinen eigenen Weg gefunden. Waren es anfangs von dunklen Farben dominierte, grobflächige Gebilde, die auch ein Zeichen der persönlichen Umbruchsstimmung waren, so können wir heute eine Konzerntration auf filigrane, fein ausgearbeitete Werke sehen, so auch die hier gezeigten Zeichnungen. Hinzu kommt ein stärkerer Zugang zu den nahezu fühlbaren Qualitäten des bearbeiteten Materials, die sicherlich bei Kasper schon immer eine Rolle spielte, aber sich gerade auch in den heute ausgestellten Sandsteinreliefs zeigen.

Egbert Kasper ist ein Künstler, der sich modischen oder modernistischen Trends konsequent verweigert. Der wahrnimmt, was um ihn herum geschieht – und dies nicht nur in künstlerischer Hinsicht. Er macht es dem Betrachter seiner Werke nicht einfach, diese sind in der Regel nicht einfach kurzschlüssig zu erfassen, wobei er darauf wert legt, dass bei aller Abstraktion, bei aller malerischen Rätselhaftigkeit seine Werke nicht einer Beliebigkeit der Interpretation unterliegen.

Vielmehr lädt er den Betrachter zu einem künstlerischen Abenteuer ein, bei dem dieser – und ich erinnere hier noch einmal an Bruce Naumann – nicht gleich weiß, wo er landen wird, in welcher Welt er, wie ankommt. Als Mensch und Künstler ist er eine Herausforderung für seine Umwelt. Wer sich – selbstverständlich nicht unkritisch – auf ihn und seine Werke einlässt, wird Gewinn für sich erfahren.

Kunst ist für Egbert Kasper nicht ein verifizierbares Abbild der Wirklichkeit, sondern [...] eine Herausforderung im Sinne von Farben, Formen und Strukturen, die durch den Begriff oder besser das Agieren im Spiel Gestalt gewinnen. Formen, Farben und Strukturen als inhaltsgesättigtes und durchkomponiertes Spiel stellen für ihn den Sinn der Kunst dar.

Egbert Kasper arbeitet an der Oberfläche der Dinge, um ihren Reichtum, in den darunter liegenden Schichtungen freizulegen. Er gelangt so zur Tiefe. Dabei huldigt er nicht einem Ästhetizismus, sondern lässt er sich zum einen vom Respekt vor dem Material, sei es Holz, sei es Sandstein, sei es die Leinwand mit den Farbauftragungen, leiten, zum anderen bewegen ihn der Jahreslauf der Natur, die Einbettung des Menschen in die Natur, aber auch sein Leiden am Dasein.

[...] Egbert Kasper ist ein universeller Künstler, nicht im Sinne "des Alles zugleich", sondern als Suchender, der seine Biografie und die jeweiligen Zeitumstände berücksichtigend, sich neue Materialien und Techniken erschließt, um das zu formen, was er künstlerisch ausdrücken will und muss. [...]

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Laudatio zur Ausstellung "Vor dem Frühling"
Glockenmuseum, Apolda, 2005
Herbert Schönemann

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[...] Egbert Kasper zeigt [...] Arbeiten [...], die vom Geheimnis des Wachsens, des Werdens aus der Erde, auf der Erde nachgehen. Die Vorahnung keimender Triebkräfte aus dem Boden halten den Atem an, bis es kreist, schiebt, ans Licht geht.

Zumeist druckt der Künstler erste Zeichen vom Holzstock ab, um daran völlig eigenen Mitteln weiter zu arbeiten, mischtechnisch unfestgelegt, ganz dem Wachsen des Werkes verpflichtet, wo es immer wieder heißt "vom Werden" von "Wandlungen" Schweigen..., diese einkehrende Stille. Der Lebensraum des Menschen wird hier zu einem Refugium der Ursprünge wie die Verheißung des Osterlichtes auf einem Werk des Grafikers zu einer leisen Geste an den Menschen wird.

Egbert Kasper schuf für eine Mappe eine Imagination "Der Garten" - eine Reihe von Blättern, die die Vorstellung Paradies neu bestimmt als schwebendes Verfahren für den möglichen Aufstieg oder Verfall.

Die Jahreszeiten walten auf den Arbeiten wie Gelenke für das jeweils Andere im Durchgang des Jahres, immer in Schwarz-Weiß. Er geht wieder in den Garten mit den Werken Monets Garten I und II ... aber hier wächst die Farbe durch, sanft, aber unaufhörlich. Egbert Kasper öffnet zum einen den Blick in den Raum, in die wunderbare Höhle des Blühens ohne Ende, dann rückt im zweiten Blatt ein Blütengebilde ganz nach vorn, um das einzigartige Dasein jedes einzelnen tieffarbigen Garten ... Bedeutung zu geben.

[...] Egbert Kasper verweist nahezu ausschließlich auf die Natur, die ihm ..., begreifbare, auf die ewig gebärende Erde, wo er immer wieder keinen Titel findet, weil für manches geschaffene Werk jegliches Wort versagt bleibt. [...] [Es verdichtet sich die Meinung], dass Egbert Kasper die schon gelebte Welt, die schon gestaltet habende Vergangenheit in ihren inneren Antrieben wesentlich ist, das Begreifen eigener Herkunft. Aber er will darin nicht stören, eher die Stille bewahren, das uns Haltende, das uns Erinnernde, um die Gegenwart maßvoller machen zu können.

Und was nicht unerwähnt bleiben sollte, der Künstler arbeitet mit geistig behinderten Menschen. Daher wohl auch kommt die Demut vor dem Leben, daher auch vielleicht das zumeist leise Walten in seinen Werken.

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Laudatio zur Ausstellung "Der Garten"
Dreikönigskapelle - Naumburger Dom, Naumburg, 2005
Regina Schubert

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"Der Garten" hat Egbert Kasper seinen graphischen Zyklus genannt. Mit dem Begriff "Garten" verbinden sich verschiedene Vorstellungen. Schon immer galt er als ein privilegierter Ort. Mandenke etwa an den Garten Eden, das Paradies vor dem Sündenfall. Oder an die berühmten "Hängenden Gärten" der Semiramis in Babylon, die zu den sieben Weltwundern gezählt wurden. - Gemeinhin bezeichnet man mit "Garten" ein Terrain, in dem die Natur durch die Hand des Menschen gestaltet wurde, sei es unter den Erfordernissen der Nutzung oder auch unter ästhetischen Gesichtspunkten. Stets galt der Garten als ein Ort vollendeter landwirtschaftlicher Kultur. Daneben ist er aber auch ein Raum für Mußestunden, für Zeiten der Besinnung und Erholung.

Egbert Kasper hat sich dem Garten auf seine ganz eigene Weise genähert. Dies hängt nicht zuletz damit zusammen, dass der Künstler seinen Lebensmittelpunkt inzwischen in einem kleinen Dorf bei Kamenz gefunden hat. Das alte Bauernhaus, in das er dort mit seiner Familie gezogen ist, gibt mit dem dazugehörigen Freigelände ihm seit einigen Jahren Gelegenheit, Natur auf eine neue, intensivere Weise zu erleben: Fernab der Stadt am Wechsel der Pflanzen mitsamt der darin lebenden Tierwelt zu beobachten.

Wenn wir uns in die Welt seiner Graphiken hineinbegeben, können wir vegetabile Strukturen erkennen. Sprießendes, Pflanzenstengel, Wurzelwerk, faseriges, Emporschießendes, sich Ausbreitendes, Bewegendes, - auch seltsame Vögel und andere Wesen, die sich in dieser organischen Welt zu tummeln scheinen. Von Blatt zu Blatt ist die Vielfalt der Formen in einem ständigen Wandel begriffen, scheint Naturgesetzen, - kreisläufen unterworfen. Etwas Unkontrolliertes banht sich hier den Weg, etwas, das dem Konzept des Gartens als kultivierter natur zu widersprechen scheint, und ihm doch inbegriffen ist. Denn auch dort ist die Natur in vielem sich selbst überlassen, entzieht sich dem Steuerbaren und der ordnenden Hand des Menschen. So entpuppt sich der Garten als Geheimnis, vielleicht auch als geisterort, - oder soagr als "Giardino Segreto" verborgener Leidenschaften. Jedenfalls aber als ein Kosmos, der eigenen Gesetzen gehorcht, vielleicht als Sinnbild des Kosmos überhaupt?

In der reinen Anschauung kann man hier eine Natur erleben, die auf der einen Seite entfesselt, auch gefährlich sein kann, auf der anderen Seite abe genau diesen Reichtum an Formen produziert, die ein Mensch nie erfinden könnte.

Der Eigenwilligkeit gewachsener Formen spürt Egbert Kasper auch in seinen Holzskulpturen nach, die Sie hier sehen können ("Kleine Meditation", "Fühler", "Zeichen 1"). Die Skulpturen sind aus Ästen eines alten Apfelbaumes geschnitzt, nur wenig hat der Künstler in ihre Struktur eingegriffen. Gerade soviel, dass sie noch in der Sinnlichkeit ihrer Oberfläche den Formenreichtum entfalten können, der in ihrer Maserung verborgen liegt. [...]

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Auf dem Weg
Laudatio zur Ausstellung im Gotischen Haus, Burgheßler, 1997
Claus Jestädt

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Auf dem Weg zum Bahnhof, einen Rucksack geschultert, einen alten Koffer an der Hand, schwarz gekleidet. Ein Mittelgroßer, hagerer Mann mit kurzgeschorenem, glattem, braunem Haar und einem schmalen Gesicht: Egbert Kasper ist auf dem Weg. Von Kamenz, wo Frau, Söhne, Wohnung, Atelier und Garten auf ihn warten, nach Naumburg, wo Restaurierungsarbeiten an Denkmalen zwischen Sommer- und Winterferien seinen Lebensunterhalt sichern. Jemand, dem seit Jahren das auf dem Wegsein zur Existenz wird.

Seine Berufung jenseits des Broterwerbes: Künstler sein. Plastische Arbeiten, Ölbilder, Zeichnungen, Grafiken. Das Werk ist vielseitig und nicht weniger vielschichtig:

Seit den 80er Jahren ringt er um den ihm eigenen Ausdruck. Waren das anfangs Grafiken in der Manier der Zwischenkriegszeit, findet er in den Wendejahren unter künstlerischer Anleitung des Grafikers Zawadski zu einem stark abstrahierten, reduzierten graphischen Stil, der Flächen und Formen gegeneinander stellt. Die Wende läßt seine Werke verdunkeln, um im Verlauf der 90er aus den Einzelelementen einen unverkennbaren Kasper-Stil entstehen zu lassen.

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Im Mittelpunkt der Ausstellung: die erzählend-kleinteiligen Zeichnungen. Fast unmerklich wird da mit spitze Feder, Blei- oder Buntstiften gepunktet, gestrichelt, Linien gesetzt, die sich zu einer eigenen Bildstruktur zusammenfügen. Nur wenig Farbe gesellt sich zu den Konstruktionen aus verschlungenen Linien und Kleinflächen, die die Papiere überziehen. Arbeiten wie dem liebevollen "Ach Du!" gelingt die Verbindung von kunstvoller Zeichnung, gestaltetem Schwerpunkt und Konzentration auf das Wesentliche. Beachtenswert auch der jüngst entstandene Zyklus "Geprägte Landschaften I – IV". Die Mixtur aus Kohle, Bleistift, Feder und kreuzartigen Ritzungen verleihen den Blättern erstaunliche räumliche Tiefe. Geprägte Zeichnungen werden zu Landschaften, die prägen: Heimat klingt.

Ohne zeichnerische Elemente kommen die Grafiken aus, Holzschnitte, die in hartem Schwarz-Weiß Farbflächen aneinandersetzen und kontrastieren. Nur durch Formen, die durchscheinende Struktur des Druckträgers Holz und das zart-farbige Papier gekennzeichnet, werden überwiegend unfarbige Geschichten erzählt. 1997 entsteht die programmatische Graphik "Durch!", die auf tiefschwarzem Grund ein Gesicht erkennen lässt. Die herausgearbeitete Zahnpartie lässt an ein Sich-Durchbeißen denken, die Zone der Augen formt sich zu einem weißen Phantasiegetier in Sprunghaltung: von einem Zustand zum anderen: weghinweg. Ebenso dramatisch: "Bewegung davor", das statische und dynamische Elemente verbindet.

Arbeiten die Holzschnitte vom Negativen in's Postitive, so werden die Skulpturen aus dem flachen Material herausgearbeitet. Weniger raumgreifend-plastisch, kommen sie vielmehr zweidimensionalreliefartig daher und können so ihre Herkunft als ausrangierte Dielung kaum verbergen: fußgetretene, farbige Bretter als Ausstellungsstücke. Akzentuiert werden sie, etwas in der "Arche", durch den Zeichnungen verwandte Bildsysteme und sparsame Farbigkeit, die die Formen umschreibt und/oder hervorhebt.

So sehr vereinfacht und auf seine Grundformen reduziert die Sprache des Kunst-Kaspers auch ist: ein erzählendes Grundmuster durchzieht alle seine Werke. Überwiegend geheimnisvoll und dunkel, grüblerisch und zweifelnd sieht man Menschen, Tiere, Landschaften, die ein stilles, erst auf den zweiten Blick kenntliches Leben führen. Überweltlich-sakral kann es dabei zugehen, mythisch und mystisch sowieso, aber auch ich-bezogen reflektierend. Eine eigene Kunstwelt entsteht dabei, die sich erst bei intensiverem Betrachten eröffnet.

So werden auch Anleihen aus der Geschichte der Kunst erst bei genauerem Hinschauen kenntlich: Landschaftsdarstellungen zeigen in iher handwrklichen-feinen Durcharbeitung Rückbezüge auf altdeutsche Graphik, symbolistische Kunst ist allerorten markant, verinnerlicherte Arbeiten lassen an Paul Klee der 20er Jahre in Ausdruck und Betitelung denken, Picassos "Don Quixote-Zyklus", Beuys "secret block", sind in tintenklecksähnlichen Umrißgraphiken spürbar, der Einfluß der Dresdner Schule bleibt, in der manchmal auch ornamentalen Formelhaftigkeit, deutlich.

Eher kleinformatig, abgedunkelt in den Farben, oft ernst und selten heiter im Inhaltlichen, erahnt man hinter dem Kunstgut eine sensible, nachdenkliche, aber auch strenge und ängstliche Künstlerpersönlichkeit. Vor dem Geflecht aus unterschiedlichen Lebensstätten (Görlitz, Naumburg und immer wieder Kamenz) und vielfältigen Professionen: Schlosser, Soldat/Offizier, Dekorateur und Restaurator, erscheint ein Mensch, dem die Kunst ein Zuhause und deren Ausführung ein Beruf geworden ist. Zögerlich in der Vermarktung seiner Produkte, scheu in der Darstellung vor der Öffentlichkeit, mit Inhalten und Formen experimentierend, dabei Sicherheit und Kunstfertigkeit gewinnend, bleibt er eines dennoch: zielgerichtet unterwegs. [...]